Seit Jahrtausenden begleitet der Wein die großen Zivilisationen. Als Getränk der Gemeinschaft, Symbol der Freude, des Feierns oder der Spiritualität nimmt er in vielen religiösen Traditionen einen besonderen Platz ein. Für die einen heilig, für die anderen verboten oder lediglich toleriert, zeugt er von der Vielfalt der Glaubensrichtungen und Kulturen weltweit. Erfahren Sie, wie die wichtigsten Religionen den Wein wahrnehmen und welche Rolle er in ihren Riten spielt.
Der Wein, ein heiliges Symbol des Christentums
Das Christentum pflegt eine enge Verbindung zum Wein. Bei seinem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern teilte Jesus den Kelch und sprach jene Worte, die für den christlichen Glauben grundlegend wurden:
„Nehmet und trinket alle daraus, denn das ist der Kelch meines Blutes, des Blutes des neuen und ewigen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“
Diese Worte begründen das Sakrament der Eucharistie. Seit fast zweitausend Jahren symbolisiert der Wein darin das Blut Christi und nimmt einen zentralen Platz in der Feier der Messe ein. Weit mehr als ein bloßes Getränk, wird er zum Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen.
Eine wesentliche Präsenz im Judentum
Auch das Judentum räumt dem Wein einen privilegierten Platz ein. Er begleitet die großen religiösen Feste, die Sabbat-Mahlzeiten und zahlreiche Segnungen.
Die Bibel ist voller Verweise auf den Weinberg und den Wein. Zu den bekanntesten gehören Noah, der nach der Sintflut den ersten Weinberg pflanzt, oder auch die Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt. Insgesamt enthalten die Schriften mehrere hundert Passagen, die den Weinberg, den Wein oder die Trauben erwähnen – ein Beweis für ihre Bedeutung in den Gesellschaften des alten Nahen Ostens.
Wein im Islam: Ein anderer Ansatz
Im Gegensatz zum Christentum und Judentum nimmt der Wein im Islam keine liturgische Funktion ein.
Die Mehrheit der Muslime verzichtet gemäß den Lehren des Korans auf den Konsum von Alkohol. Dennoch können die Praktiken je nach Region und lokalen Traditionen variieren. In einigen Weinproduktionsländern wie Marokko oder Tunesien wird sein Konsum in bestimmten Kontexten eher toleriert, während er in anderen Staaten wie Saudi-Arabien streng verboten ist.
Asiatische Philosophien und der Wein
In Asien pflegt jede der großen spirituellen Traditionen eine besondere Beziehung zum Wein.
Im Buddhismus führt das Streben nach Klarheit und Selbstbeherrschung dazu, dass vom Alkoholkonsum dringend abgeraten wird, insbesondere bei Mönchen.
Der Taoismus hingegen vertritt eine flexiblere Sichtweise. Eine gewisse Form des Rausches kann als eine Art und Weise wahrgenommen werden, die von dieser Philosophie angestrebte Spontaneität und Harmonie zu begleiten.
Bei Konfuzius gibt es kein striktes Verbot, vorausgesetzt, man bewahrt die Selbstbeherrschung und verfällt niemals dem Übermaß.
Sake, das heilige Getränk des Schintoismus
In Japan verwendet der Schintoismus Sake, einen traditionellen aus Reis gewonnenen Alkohol, in zahlreichen religiösen Ritualen.
Den Gottheiten als Symbol der Reinheit dargebracht, begleitet er auch Hochzeitszeremonien, bei denen die Eheleute mehrere Schalen Sake teilen, um ihren Bund und ihr Versprechen zu besiegeln.
Wein im Hinduismus
Der Stellenwert des Weins im Hinduismus ist Gegenstand zahlreicher Interpretationen.
Ähnlich wie im Buddhismus verurteilen oder raten mehrere Strömungen von seinem Konsum ab. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde bei der Ausarbeitung der indischen Verfassung sogar die Idee eines Alkoholverbots in Betracht gezogen.
In der Praxis ist die Situation nuancierter. Mit der Entwicklung des indischen Weinbaus in den letzten Jahrzehnten ist Wein heute in einigen Regionen des Landes präsenter, auch wenn seine Verwendung je nach Traditionen und persönlichen Überzeugungen sehr unterschiedlich bleibt.
Ein universelles Symbol mit vielfältigen Bedeutungen
Ob heilig, rituell, festlich oder einfach kulturell – der Wein begleitet die Geschichte der Zivilisationen seit Jahrtausenden. Jede Religion weist ihm einen besonderen Platz zu, der ihre Weltanschauung, ihren Glauben und ihre Traditionen widerspiegelt.
Jenseits der Unterschiede bleibt eine Konstante: Wein geht weit über den bloßen Status eines Getränks hinaus. Er wird oft mit Gemeinschaft, Weitergabe und den großen Momenten im Leben der Menschen in Verbindung gebracht.
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